Buchbesprechung: Jonathan Littell - Die Wohlgesinnten

Schlechtmenschen nachbessern

Buchbesprechung: Jonathan Littell - Die Wohlgesinnten

Beitragvon martin am Mi 30. Dez 2009, 23:44

„Die Wohlgesinnten“ vom französisch-amerikanischen Schriftsteller Jonathan Littell breitet auf 1400 Seiten ein infernalisches Panorama des nationalsozialistischen Völkermordes aus. Bisher hat es kein Buch gegeben, das einen Täter zum Protagonisten und perspektivischen Mittelpunkt eines Textes über den Holocaust gemacht hat. So war es jedenfalls beim Erscheinen des Buches 2006 (deutsch 2008) in den Ankündigungen zu lesen. Ob das stimmt oder nicht: Der mit dem Prix Goncourt geehrte Autor hat mit den „Wohlgesinnten“ ein literarisches Werk über den Holocaust geschaffen, das seinesgleichen sucht.

Geschildert wird die Karriere des fiktiven Protagonisten Dr. jur. Maximilian Aue – Jurist, Homosexueller, Mitglied des SD der SS, zuletzt im Rang eines Obersturmbannführers – aus dessen eigener Perspektive, in Form einer Art autobiographischer Erzählung, die in großen Textblöcken im historischen Geschehen aufgeht, aber immer wieder durch direkte Ansprache des Lesers an die Erzählgegenwart zurückgebunden wird. Littell schickt seinen Erzähler mitten hinein in die Schauplätze von Krieg und Völkermord. Als Mitglied der Einsatzgruppe C der Sicherheitspolizei und des SD unter Otto Rasch ist er Teil der Tötungsmaschinerie, der in der Ukraine 1941/42 Zehntausende zum Opfer fielen. Strafversetzt in den Kessel von Stalingrad wohnt Aue dem Untergang der 6. Armee bei. Die nüchternen Schilderungen der Bedingungen von Stalingrad, wo eine zerlumpte und verhungerte Armee größtenteils erfroren und von Ungeziefer aufgefressen worden ist, gehört zu den stärksten Passagen des Buches. Aue entkommt schwer verwundet dem Kessel und bewegt sich nach längerer Rekonvaleszenz auf den Höhepunkt seiner NS-Karriere zu. Im Dienste des „Reichsführers SS“ Heinrich Himmler inspiziert und analysiert er die Welt der Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager und operiert dabei im Spannungsfeld der komplizierten Interessenkämpfe zwischen den Verfechtern der schnellen physischen Vernichtung und denjenigen, die im Angesicht der drohenden militärischen Niederlage die Arbeitskraft der Deportierten auszubeuten gedachten.

Recherchiert man bei perlentaucher.de eine Gesamtschau der Rezensionen, die Anfang 2008 in den überregionalen Blättern erschienen sind, so fällt der weitgehend negative Tenor dieser Besprechungen sofort ins Auge. Kritisiert wurde dabei vor allem der realistische Stil mit seiner Neigung zur pornografischen Schilderung von Gewaltexzessen und fäkalen Körperfunktionen, der Mangel an einer spezifisch literarischen Aufarbeitung sowie die mangelnde Plausibilität des Charakters des Protagonisten Max Aue. Dessen Handlungsmotive und Antriebsmomente blieben trotz der ausufernden Breite des Textes im Grunde im Dunkeln.

Das sind gewichtige Einwände gegen die Qualität des Buches, die ich größtenteils für einschlägig halte. Was nervt sind weniger die sexuellen Obsessionen des Protagonisten selbst – seien sie nun hetero-, homosexuell oder inzestuös – als vielmehr die permanente Suggestion, dass diese Dinge mit der Täterschaft Aues zu tun haben könnten. Komplizierter verhält es sich mit der Plausibilität der Charakterzeichnung. Sicherlich wird enttäuscht, wer darauf hofft, dass hier ein Tätercharakter ausgeleuchtet und in seinem Funktionieren begreifbar gemacht wird. Wo die Motivation nicht reiner Karrierismus ist, bleibt sie widersprüchlich. Aue – selbst ein Intellektueller mit sensibler musisch-literarischer Erziehung – bezweifelt die völkische Rassentheorie und belächelt die fanatischen Antisemiten mit ihren wahnhaften und kruden bakteriologischen Metaphern. Dennoch besetzt Aue seine Funktionsstellen im Vernichtungsapparat nicht nur mit willenlosem Gehorsam, sondern auch mit dem Ehrgeiz, die ihm übertragenen Aufgaben bestmöglich zu erfüllen. Man mag das bezogen auf den Einzelcharakter trivial finden. Im größeren Kontext fügen sich die Widersprüche allerdings in ein Bild, das den Holocaust nicht mehr als monolithischen Komplex auffasst, sondern als selbst extrem widersprüchliches Ineinander der Instanzen, Kompetenzen und Interessen mit – allerdings stets – mörderischen Konsequenzen.

Nun ist die geschichtswissenschaftliche NS-Forschung seit Jahren mit nichts anderem beschäftigt, als eben jenes 12-jährige Gesamtgeschehen in seinen Verästelungen und Zerfaltungen transparenter zu machen. Und „Die Wohlgesinnten“ ist bis zum Rand gesättigt mit diesem historischen Wissen und diesen historiographischen Diskursen. Es dürfte kaum Veröffentlichungen der NS-Forschung geben, die Littell nicht bekannt sind. Der präzise recherchierte Detailreichtum des Buches ist erschlagend. Das bezieht sich nicht nur auf das äußere Geschehen, sondern auch explizit auf Forschungsansätze, Erklärungsmodelle und biographische Skizzen. Größerer Raum wird beispielsweise Otto Ohlendorf, SS-Gruppenführer und Befehlshaber der Einsatzgruppe D, oder auch Adolf Eichmann gewidmet. Überaus präsent ist beispielsweise die Täter-Mentalitätsforschung in der Spur von Christopher Browning: Das Selbstmitleid derjenigen, die tagtäglich Massenerschießungen vornehmen und über Leichenberge gehen. Wie überaus schwer ist doch die Aufgabe, die wir zu erfüllen haben. Präsent ist auch diese von Michael Wildt beschriebene, aufstrebende, karrierebewusste, Sachlichkeit mit Ideologie verbindende, extrem junge Generation, aus der das Reichssicherheitshauptamt sein Führungscorps rekrutiert hat. Die Liste ließe sich endlos weiter fortsetzen, vom Wirken der Höheren SS- und Polizeiführer (HSSPF), über das beinahe undurchdringliche organisatorische Gestrüpp des NS-Staates bis hin zu den ökonomischen Verwertungsinteressen des SS-Wirtschaftsimperiums der späteren Kriegsjahre. Littell bietet mit den „Wohlgesinnten“ eine Art ausladende und penibel ausgearbeitete Geschichtsforschungs-Prosa.

Diese literarische Verwertung funktioniert als Text und ist interessant. Das Problem dabei ist nur, dass „Die Wohlgesinnten“ kaum über das hinausreicht, was die Wissenschaft bereits als Status Quo des Wissens angehäuft hat. Um ein Eigenrecht als Literatur zu behaupten, müsste der Text einen Mehrwert produzieren, wo er lediglich wissenschaftliche Diskurse, Modelle und Perspektiven sowie bekannte Rollenprosa erzählerisch anordnet und gruppiert – so könnte man mit Fug und Recht fordern. Und dennoch führt der Text den irrsinnig-monströsen Plan des Nationalsozialismus, alle Juden im deutschen Zugriffsgebiet zu töten, auf eine Weise vor Augen, die zumindest in herausragenden Passagen in ihrer Suggestivkraft über das Beschreibungsarsenal wissenschaftlicher Texte hinausreicht. Ein Beispiel dafür sind die Posener Reden von Heinrich Himmler, jene berühmt-berüchtigten Vorträge, in denen er die Ermordung der Juden in ungewöhnlicher Offenheit und Direktheit ausspricht und über die Verbrechen als historische Notwendigkeit räsonniert. Hier gelingt es Littell durchaus, die nervöse Atmosphäre zu verdichten, in der im Oktober 1943 diese Reden gehalten worden sind: Die bewusste Herstellung von Komplizen- und Mitwisserschaft sollte den anwesenden Gauleitern und SS-Führern zu verstehen geben, dass alle Brücken zurück abgerissen sind und dass eine Niederlage gleichbedeutend sein musste mit dem Ende jedes Einzelnen der Anwesenden, deren Signatur fortan unter dem Völkermordverbrechen zu finden sein würde.

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Re: Buchbesprechung: Jonathan Littell - Die Wohlgesinnten

Beitragvon manstein2 am Do 31. Dez 2009, 13:46

1. Warum hat das Forum nicht funktioniert?
Aber egal das hier gefällt mir sowieso viel besser.

2. Endlich schreibt hier mal jemand was zu diesem brillantem Buch; das dieser jemand martin ist bestätigt nur ein weiteres Mal meine überragende Menschenkenntnis, die martin schon lange als den intelligentesten von euch erkannt hat.

Was die angeblich überwiegend negativen REzensionen angeht so bleibt erstmal festzustellen, dass das so nur auf den dt. Sprachraum zutrifft, in Frankreich wurde das Buch ganz überwiegend gelobt.

Weiterhin bin ich der Meinung dass das Buch ganz wesentliches leistet, was die Erklärung der psychologischen Genese der "Täter" des 2. WW angeht.

Dabei ist zu beachten, dass es verschiedene Tätertypen gibt; der Typus eines Eichmann wird im Buch in der Tat nicht näher erklärt, bzw. nur kurz aus der Person Max Aues angerissen werden; dieser Typus ist aber auch höchst uninteressant, das sind die Täter wie sie überall auf der Welt auftreten können, z.B. im stalinistischen Russland oder bei den Roten Khmern oder sonstwo.
Aber deren Motivation ist ja klar, diese Leute haben einfach nicht das reflexive Niveua erreicht um die Ungeheuerlichkeit ihrer Taten zu erkennen; es sind halt Beamte, von denen der Staat jetzt das Judentöten verlangt anstatt irgendwelchen anderen Papierkram zu erledigen.

Viel interessanter ist doch warum die "intellektuelle Elite" sich von der humanistischen Tradition des Abendlandes abwendet und daran geht Holocaust, 2. WK etc. zu begehen.

Und diesbezüglich spielen die sexuellen Perversionen Aues schon mal eine sehr große Rolle.
Einerseits zeichen sie Aue - sowohl in symbolischer als auch in konkreter Hinsicht - als einen zur Grenzüberschreitung neigenden Charakter, was auch in den restlichen Themen des Buches mehr oder weniger subtil anklingt.
Außerdem gab es mal einen Typ, ich weiß seinen Namen leider nicht mehr-sein Buch hab ich leider auch noch nicht gelesen-, der versucht hat das ganze Phänömen des Faschismus auf psychoanalytischem Wege, also durch die Fokussierung auf die sexuelle Ängste, Nöte etc der GEneration die den Faschismus hervorgebracht hat.
Sieht man außerdem was in der Generation vor dem 1. WK, die den geistigen Nährboden des Faschismus vorbereitet hat, für Autoren die maßgeblichen Ideen gesponnen haben -Nietzsche, Weininger, Blüher- und deren verkrüppelte Sexualität, die unmittelbar in ihren Texten verarbeitet wird (zumindest bei den 2 letzt genannten), so gewinnt dieser psychoanalytische Bedeutungsansatz doch sehr an Attraktiviät.

Außerdem ist es nicht korrekt dass Aue kein Antisemit ist oder nicht der völkischen Rassentheorie anhängt, er sieht sich lediglich über den fanatischen Vulgarnazis stehen und leistet sich vielleicht den einen oder anderen Zweifel und versucht sesin Handeln moralisch zu reflektieren, aber er zieht daraus ie weitreichende Konsequenzen, auch keine ideologischen.

Und was das "Selbstmitleid" der Täter geht, das du hier als irgendwie ungerechtfertigt hinstelltst:

1. Stellt AUe das nicht nur bei anderen fest, sondern auch bei sich selbst; als er in Babi JAr die ganzen Juden exekutiert z.B. schreibt er ja wie er sich überwinden musste und wie schlecht es ihm ging.
2. Ist es doch absolut einleuchtend dass es psychsich schwer ist massenhaft wehrlose Leute zu töten, ohne dass irgendein von der Natur vergesehener Umstand, wie Notwehr oder Kampf, die Hemmschwelle zum Töten senkt.
Das ist anbei gesagt ein roter Faden in dem Buch; dass die Täter eben zum ganz großen Teil nicht aus sadistischen Motiven töten, sondern weil sie glauben ihre Pflicht zu tun, also, im Kantschen Sinne, moralisch korrekt handeln.
Man kann darüber diskutieren ob sie dumm sind, weil ihre Plichtauffassung der eigenen widerspricht und sie nicht über das intellektuelle Potential verfügen diese zu erkennen; aber unmoralisch handeln sie nicht, weil sie ihre Pflichtauffassung zur Leitlinie ihres Handelns machen.
Und in diesem Zusammenhang ist zu sehen dass sie der Pflichterfüllung Opfer bringen, in Form der getöteten Juden, PArtisanen etc, aber auch in Form ihres "ruhigen Gewissens" bzw. besser ihrer psychsichen Gesundheit, die durch diese Taten angegriffen wird.

Der PRolog ist im Übrigen das Beste an diesem ganzen Buch.
Und abgesehen von irgendwelchen konkret verwertbaren Aussagen zur Tätermotivation oder sonstwas entwirft das Buch einfach eine grandioses Panorama der untergehenden bürgerlich-abendländischen Kultur, in der Qualität der Darstellug auf ähnlichenm Niveua wie Krieg und Frieden. (mit dem es in der franz. Presse auch verglichen wurde)


martin, gehst du mit zur Fremdenlegion?
manstein2
 
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Re: Buchbesprechung: Jonathan Littell - Die Wohlgesinnten

Beitragvon martin am Fr 1. Jan 2010, 21:49

Hallo manstein,

du schreibst:

Was die angeblich überwiegend negativen REzensionen angeht so bleibt erstmal festzustellen, dass das so nur auf den dt. Sprachraum zutrifft, in Frankreich wurde das Buch ganz überwiegend gelobt.


Das stimmt, hängt aber - gerade was Frankreich betrifft - auch mit der massiven Marketing-Kampagne zusammen, die vor dem Erscheinen von Les bienveillantes generalstabsmäßig aufgezogen worden ist. Das Buch ist halt auch ein Beispiel dafür, wie Bestseller gemacht werden.

manstein hat geschrieben:Weiterhin bin ich der Meinung dass das Buch ganz wesentliches leistet, was die Erklärung der psychologischen Genese der "Täter" des 2. WW angeht.

[...]

Und diesbezüglich spielen die sexuellen Perversionen Aues schon mal eine sehr große Rolle.
Einerseits zeichen sie Aue - sowohl in symbolischer als auch in konkreter Hinsicht - als einen zur Grenzüberschreitung neigenden Charakter, was auch in den restlichen Themen des Buches mehr oder weniger subtil anklingt.
Außerdem gab es mal einen Typ, ich weiß seinen Namen leider nicht mehr-sein Buch hab ich leider auch noch nicht gelesen-, der versucht hat das ganze Phänömen des Faschismus auf psychoanalytischem Wege, also durch die Fokussierung auf die sexuelle Ängste, Nöte etc der GEneration die den Faschismus hervorgebracht hat.


Klaus Theweleits Männerphantasien ist Ende der 70er Jahre erschienen und war damals sicherlin en vogue was die soziologische Verarbeitung psychoanalytisch fundierter Ansätze angeht. Aber das ist über dreißig Jahre her. Die Psychoanalyse mit ihren Anspruch, das Unbewusste in der Logik von Sexualkomplexen auszuleuchten, erscheint mittlerweile reichlich krude. Anders gesagt: Psychanalyse ist keine Methode der Wissenschaft mehr, sondern allenfalls noch Gegenstand eines (kultur)wissenschaftlichen Interesses.
Es ist schon klar, dass Littell vor allem mit der Inzestthematik und dem suggerierten Muttermord auf all das Bezug nimmt. Um das als Erklärungsmodell für Tätergenesen ernst zu nehmen, müsste man aber erstmal die Modelle der Psychoanalyse selbst akzeptieren, was mittlerweile reichlich viel verlangt ist.

manstein hat geschrieben:der Typus eines Eichmann wird im Buch in der Tat nicht näher erklärt, bzw. nur kurz aus der Person Max Aues angerissen werden; dieser Typus ist aber auch höchst uninteressant, das sind die Täter wie sie überall auf der Welt auftreten können, z.B. im stalinistischen Russland oder bei den Roten Khmern oder sonstwo.


Eichmann wird im Buch relativ viel Raum eingeräumt. Er gilt ja als Paradigma des "Schreibtischtäters" und auf diesen Ansatz rekurriert Littell sehr bewusst, wenn er Aue immer wieder Eichmanns Beschränktheit feststellen lässt. Gleichzeitig dementiert der Text aber gewissermaßen sich selbst, indem Eichmann als jemand erscheint, der viel kreative Energie und relativ selbständig radikale Lösungsstrategien im Dienste seines auf Effizienz abgestellten Vernichtungsfurors entwickelt.
Es ist dies ein immerwährendes Problem mit dem Begriff des "Schreibtischtäters", der, sofern der Akzent auf die bürokratische Pflichterfüllung gelegt wird, immer wieder nur die Exkulpationsstrategien der Täter reproduziert. Der Holocaust war dagegen - das konnte die neuere Forschung zeigen - nur möglich, weil die Beteiligten Entscheidungsträger mit großer Eigeninitiative, mit Kreativität und ideologischem Fanatismus die Vernichtungspolitik aktiv vorangetrieben haben.

manstein hat geschrieben:Viel interessanter ist doch warum die "intellektuelle Elite" sich von der humanistischen Tradition des Abendlandes abwendet und daran geht Holocaust, 2. WK etc. zu begehen.


Abgesehen davon, dass es sehr fraglich ist, ob da nun wirklich die intellektuelle Elite am Werke war, zielt die Frage schon in die richtige Richtung. Ich sehe aber nicht, welche (neuen) Antworten Die Wohlgesinnten auf diese Frage geben.

manstein hat geschrieben:Außerdem ist es nicht korrekt dass Aue kein Antisemit ist oder nicht der völkischen Rassentheorie anhängt, er sieht sich lediglich über den fanatischen Vulgarnazis stehen


Ja, aber mit welchem Recht eigentlich?

und leistet sich vielleicht den einen oder anderen Zweifel und versucht sesin Handeln moralisch zu reflektieren, aber er zieht daraus ie weitreichende Konsequenzen, auch keine ideologischen.


Die moralische Reflexion Aues ist weitgehend nicht mehr als ein unbestimmtes Unbehagen am Lauf der Dinge und kommt allenfalls als regelmäßige Selbstentleerung seines Körpers zum Tragen. In dieser Hinsicht ist der Text mehr als unbefriedigend, weil er keinerlei Versuch unternimmt die selbst aufgerissenen Erklärungslöcher auch nur ansatzweise zu überbrücken.

manstein hat geschrieben:Und was das "Selbstmitleid" der Täter geht, das du hier als irgendwie ungerechtfertigt hinstelltst: [...]


Es mag sein, dass all das erklärbare psychische Reflexe und Verhaltensweisen sind. Mein Punkt war aber ein anderer: Littell unternimmt in dieser Hinsicht nicht mehr als eine literarische Nachstellung von Forschungsliteratur, die im Grunde keinen poetischen Mehrwert liefert.

Der PRolog ist im Übrigen das Beste an diesem ganzen Buch.


So schien es auch mir, wobei man en detail mal schauen müsste, wo dieser Eindruck herrührt.

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Psychoanalyse von "Wohlgesinnten", die keine sind

Beitragvon redaktion am So 3. Jan 2010, 16:22

martin hat geschrieben:Die Psychoanalyse mit ihren Anspruch, das Unbewusste in der Logik von Sexualkomplexen auszuleuchten, erscheint mittlerweile reichlich krude.

Deshalb entwickelte sich die Psychoanalyse weiter, würde aber zurückfallen, wenn sie den Aspekt ausblenden würde. Dass Sexualkomplexe überhaupt erörtert wurden, war revolutionär, stieß Fenster auf, wenngleich sich manches zu weit hinauslehnte.

martin hat geschrieben:Anders gesagt: Psychoanalyse ist keine Methode der Wissenschaft mehr, sondern allenfalls noch Gegenstand eines (kultur)wissenschaftlichen Interesses.

Das scheint zu pauschal geurteilt, denn dann wäre die Politik entpersonalisiert. Historische Analyse ohne Analyse der Interdependenzen von Eliten- und Massenpsychologie würde mir unwissenschaftlich sein, allenfalls noch datieren und staunen.

manstein hat geschrieben:der Typus eines Eichmann ... dieser Typus ist aber auch höchst uninteressant, das sind die Täter wie sie überall auf der Welt auftreten können, z.B. im stalinistischen Russland oder bei den Roten Khmern oder sonstwo.

Hallo Manstein2, gerade darum ist dieser Typus interessant. Deshalb frage auch ich Dich ab und an nach Deinen Hintergründen, denn wenn Widersprüche in der Vernunft zu eklatant scheinen, obwohl es am Kopf nicht fehlt, kann es nur die Psyche oder Opportunismus in betrügerischer Absicht sein.
Zu letzterer bekennst Du Dich immerhin in Deinem Nietzsche-Posting >> www.inipedia.com/diskussionen/viewtopic.php?p=83#p83
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Re: Buchbesprechung: Jonathan Littell - Die Wohlgesinnten

Beitragvon martin am So 3. Jan 2010, 20:54

Hallo Sven,

Sven hat geschrieben:Deshalb entwickelte sich die Psychoanalyse weiter, würde aber zurückfallen, wenn sie den Aspekt ausblenden würde. Dass Sexualkomplexe überhaupt erörtert wurden, war revolutionär, stieß Fenster auf, wenngleich sich manches zu weit hinauslehnte.


Aspekte einzublenden macht dagegen nur Sinn, wenn sie sich auch systematisieren lassen. Aber politische Pathologien lassen sich halt nicht auf Triebstrukturen oder psychosexuelle Entwicklungsstörungen zurückführen, jedenfalls nicht in einem systematischen (=wissenschaftlichen) Sinne.

Im Falle der literarischen Figur Max Aue dienen die sexualpsychologischen Störungen vor allem dem Ziel, diesen ansonsten doch recht farblosen Charakter interessanter zu machen, indem das Handeln im Dienste eines Ausrottungsapparates immer wieder mit düsteren Triebwelten in Verbindung gebracht wird.

Sven hat geschrieben:Das scheint zu pauschal geurteilt, denn dann wäre die Politik entpersonalisiert. Historische Analyse ohne Analyse der Interdependenzen von Eliten- und Massenpsychologie würde mir unwissenschaftlich sein, allenfalls noch datieren und staunen.


Mein Urteil betrifft ja auch nicht die Psychologie als Ganze, sondern die Psychoanalyse in Freudscher Tradition mit ihrer Zentrierung bestimmter sexueller Urszenen und triebtheoretischer Figuren. Ödipal-phallische Phasen und Penisneidkomplexe halte ich als Theorieangebot für entbehrlich, wenn es um die Plausibilisierung von fiktiven Charakteren geht.

Viele Grüße
martin
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Re: Buchbesprechung: Jonathan Littell - Die Wohlgesinnten

Beitragvon redaktion am So 3. Jan 2010, 23:01

@Martin, genau so sehe ich das auch, denn die meisten Komplexe dürften komplexer sein; und politisch nur relevant, wenn denn Wirkungen Raum gegeben/gelassen werden. Für Testosteron-Strolchereien ist allerdings reichlich Raum.
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