NS-Architektur

Schlechtmenschen nachbessern

NS-Architektur

Beitragvon martin am Mo 18. Jan 2010, 22:57

Zur Architektur des Nationalsozialismus

Die repräsentative Architektur des Nationalsozialismus hatte in der Vorstellungswelt Hitlers "Wort aus Stein" zu sein, materielle Manifestation der NS-Weltanschauung und Dokument einer vermeintlichen kulturellen Überlegenheit. Der Ewigkeitswert, der den Bauten demzufolge zugeschrieben wurde, fand seinen Ausdruck in der Übernahme der architektonischen Formensprache der Antike, die durch einen spezifisch modernen Reduktionismus überformt und in Volumen und Materialität ins Monumentale überführt wurde.

Dem national-imperialen Herrschaftsanspruch gemäß zielten die repräsentativen Bauten des NS auf die Verkörperung von Macht und Gewalt. Geplant und errichtet wurden sie im Dienste einer intendierten suggestiven Wirkungsabsicht: Monumentale Maßlosigkeit und massive Monotonie, eine Ästhetik der Kälte, wirken bedrohlich, Ehrfurcht gebietend und bringen das Individuum zum Verschwinden.

Erreicht wurden solche propagandistischen Effekte durch Formenstrenge, scheinbar massive Steinverkleidungen, maßstabslose Überdimensionierung, monotone Fensterfaschen, in die Tiefe führende Pfeilerreihungen und den weitgehenden Verzicht auf klassizistische Gliederungsfunktionen. Wo der Nationalsozialismus sich auf die traditionellen Bestände der klassizistischen Baukunst berief, blieb die Aneignung so unsystematisch wie banalisierend und stets instrumentell der politischen Wirkungsabsicht untergeordnet. Das Interesse galt einzig einer Möglichkeit zur Monumentalität und Erhabenheit, der Inszenierung von Macht und der steinernen Artikulation des totalitären Anspruchs auf Unterwerfung des Einzelnen.

Ein zentraler Schauplatz nationalsozialistischer Neuordnungsplanung war die Hauptstadt Berlin. Mit der Ernennung Albert Speers zum "Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt" im Jahre 1937 begann hier eine neue Ära der Stadtplanung, die die Metropole dem Zugriff totalitärer Neugestaltungsprogrammatik auslieferte. Als Kapitale eines germanischen Weltreiches wurde Berlin in den Phantasien der nationalsozialistischen Herrschaftselite zum Gegenstand von städtebaulichen Planungsvorstellungen einer neuen Größenordnung. Die Entwürfe und Modelle Albert Speers machten die Stadt zur imaginären Projektionsfläche einer utopisch-imperialen Megalomanie, die ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen einer fundamentalen Neuordnung urbaner Raumverhältnisse gleichkam und in ihren Dimensionen ohne Beispiel war.

Die atemlos beschleunigten und pulsierenden europäischen Metropolen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren die Kulminationspunkte der Kultur der Moderne, waren Schmelztiegel der entstehenden industrialisierten Massengesellschaft und Schauplatz der entfesselten und zutiefst heterogenen Avantgardebewegungen. Die Dynamik dieser kulturellen Blüte war den Nationalsozialisten ein Graus. Ihre Ideologie blieb geprägt von tiefer Feindschaft gegenüber der ‚Großstadt’ und der mit ihr assoziierten urbanen Zivilisation. Ihr mythisch gefeierter Chthonismus und die tiefe Kluft zum Geist der modernen Metropole führte sie zu Gegenentwürfen imaginierter Idealstädte, in denen jede Architektur als Akt totalitärer Technokratie erscheint und zum bloßen Herrschaftsinstrument, zu einer Raumordnung der Überwältigung, geronnen ist.

Der Nationalsozialismus hat Individualität und Intellekt im Namen eines völkischen Biologismus verachtet und bekämpft. Dem entsprechend blieb die Formensprache der NS-Bauten letztlich primitiv und rudimentär, eine auf Pathos, Hierarchie und Symmetrie ausgerichtete, an den Idealen soldatischer Uniformität und massenornamentaler Kolossalität aufgerichtete Kulissenarchitektur.

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Re: NS-Architektur

Beitragvon Justin am Mi 26. Mai 2010, 01:15

Ein "Speer" oder "Hitler" hätten über derartige Analysen sicherlich geschmunzelt. Es war ihnen sicherlich fern genau diese Gedankengänge als Grund für die Bauweise ihrer Architektur zu Grunde zu legen. Es war einfach eine Macht am Werk, die sich für monumental hielt, und die Mittel dazu hatte, das auch so um zu setzen. Was liegt näher als sich an die Architektur anderer großer Reiche zu halten. Natürlich sollte das nach außen hin auch genau das ausdrücken. Eine Hundertwasser Architektur als Reichstag wäre absurd. Genau so Absurd, wie sich einen Multimillionär vor zu stellen, der sich als Wohnhaus eine Fertigteilhütte mit 105 m2 bauen lassen würde.
Warum immer wieder diese tiefgründigen Erklärungen und Analysen, die gar nicht notwendig sind .
Was soll das am Ende ausdrücken? Etwa ein Verständnis dafür, alles bis ins kleinste Detail begründen zu können, um zu zeigen, wie toll man alles versteht, was jemals jemand gemacht hat? die Selbstüberschätzung über alles Bescheid zu wissen, und wieso und warum, ist wirklich maßlos und völlig übertrieben. Das geht bis ins Unsinnigste gerade mit dem dritten Reich. Eine Analyse über die Beweggründe eines Imbisinhabers, und der Rezeptur seiner Bouletten, und weshalb so und so viel Semmelmehl und der Anteil von Schweinehack zu Rinderhack, hätte den gleichen Effekt. Der Imbisbesitzer würde darüber lediglich lächeln, und nicht im entferntesten darüber nachdenken, ob er aus den Gründen einer sinnlosen Analyse handelte.
Was soll das eigentlich alles?
Justin
 

Ideologisches Kalkül

Beitragvon martin am Mo 31. Mai 2010, 08:56

Hallo Justin,

Es war ihnen sicherlich fern genau diese Gedankengänge als Grund für die Bauweise ihrer Architektur zu Grunde zu legen. Es war einfach eine Macht am Werk, die sich für monumental hielt, und die Mittel dazu hatte, das auch so um zu setzen.


Die These einer unreflektierten und quasiorganischen Entwicklung eines Baustiles aus einer Ideologie heraus ist nicht haltbar. Die beschriebene ästhetische Wirkungsweise und die ideologischen Effekte, die damit erzielt werden sollten, waren wohlüberlegt und wohlkalkuliert, das kann man an vielen Beispielen konkret aufzeigen. Für den NS war die Architektur letztlich ein propagandistisches Werkzeug, eine durchkalkulierte Inszenierung wie die minutiös geplanten Reichsparteitage in Nürnberg.

Ob die Nationalsozialisten tatsächlich alle Mittel gehabt hätten, muss man auch bezweifeln. Die "Germania"-Planung zur Umgestaltung Berlins hatten die Qualität von Phantasmagorien, die längst jede Verbindung zur Realität verloren hatten. Alleine die Beschaffung der physischen Bausubstanz wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Interessant ist auch der Zusammenhang von Verstrickung und Entrückung: Je konsequenter der Krieg auf die Selbstvernichtung zusteuerte, desto hochfliegender und phantastischer wurden die Zukunftspläne des Regimes.

Warum immer wieder diese tiefgründigen Erklärungen und Analysen, die gar nicht notwendig sind .


Die monumentale Substanz der NS-Bauten mag Undurchdringlichkeit suggerieren. Wie alle Gegenstände der kulturgeschichtlichen Entwicklung des Menschen sind sie aber nicht selbsterklärend, sondern interpretationsbedürftig. Bei der physischen Präsenz der Bauten stehenzubleiben ist gleichbedeutend mit dem Verzicht auf Erkenntnisgewinn, Verzicht auf die Erfahrung, wie schnell die scheinbare Undurchdringlichkeit unter geistigen Kategorien kollabiert.

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